Auf der Suche nach dem Glück

«Nach Ohio ist nicht die Geschichte. Es ist eine Geschichte» – fasst Benedikt Meyer zusammen, wenn auf den Spuren der Wäscherin Stepanie Cordelier durch die Staaten radelt. Auf dieser Reise sucht er sich selber, seine Geschichte und diejenige seiner Urgrossmutter aus dem 19. Jahrhundert. Er forscht und erfindet, füllt Leerstellen mit Phantasie aus, erzählt und fabuliert. Geschichte ist immer eine Frage der Perspektive. Meyer schreibt in seinem Buch unter dem Titel «Nach Ohio» eine spannende Biographie einer Frau, deren Leben unspektakulärer nicht sein könnte. Ein absolutes Lesevergnügen!

Fräulein Stephanie Cordelier stammt aus einer zerrütteten Familie mit vergötterter Mutter und trinkendem Vater. Eine Familie, die Mädchen nur schätzte, weil sie schufteten, wuschen, bügelten und sich um die zahlreiche Geschwisterschar kümmerte.

Im baslerischen Oberwil litt die junge Frau zwar keine Not – aber unter Perspektiven- und Ereignislosigkeit. So packt sie ihre Koffer und wandert «Nach Ohio» aus, in die Staaten, wo sie Arbeit und Brot findet.

Doch ist ihre Geschichte keine klassische Tellerwäschergeschichte, denn viele Auswanderer blieben in den Staaten entweder ganz auf der Strecke oder fanden nie aus einem prekären Leben heraus. Stephanie findet zwar gastliche Aufnahme in ihren Dienstfamilien und Freundinnen – aber zuhause fühlt sie sich in den Staaten nie. Sie bleibt Wäscherin, Dienstmagd, Kindermädchen. Geschätzt, bezahlt, aber auch nicht mehr.

Keine Ankunft – zwei Aufbrüche

So kehrt sie erneut auf schwankendem Schiff in die Schweiz zurück. Sie freut sich auf die Überraschung, freut sich auf Mutter, Geschwister, Zwetschgenkuchen. Und findet nur noch ihre tote Mutter aufgebahrt in einem Sarg, gestorben wenige Stunden vor Stephanies Heimkehr.

Jetzt hat sie nichts mehr, die «Heimat» ist verschwunden, sie entzweit sich mit ihrem Vater. Eine Reise in die USA bricht sie im Zug nach Le Havre in Porrentruy ab, denn in den USA hat sie ebenso wenig einen Ort, an den sie hingehört.

So baut sie sich in härtester Arbeit eine Existenz in Basel auf, heiratet und gründet eine Familie. Benedikt Meyer eine Geschichte auf, in die er auch seine Radtour durch die USA einflicht, seine Spurensuche und seine Überlegungen, warum ihn Stephanie so fasziniert. Antworten erhält man keine, aber Einblick in ein Leben,  im dem trotz aller Widrigkeiten die Suche nach dem Glück nie aufgegeben wird.

Benedikt Meyer, «Nach Ohio». Auf den Spuren der Wäscherin Stepanie Cordelier. Zytglogge Verlag  2019.  Mit sw-Fotos.

Zwei Welten, zwei Leben, ein Tod

Der Roman «Im Surinam» des Basler Autors Nicolas Ryhiner ist eine literarisch geglückte historische Fiktion, die vom Aufstieg und Fall eines Basler Bürgers, Kolonialherren und Bigamisten erzählt. Es geht um zwei Leben in  zwei ganz unterschiedlichen Welten und darum, wie einer in diesem Zwiespalt den Tod findet. 

Ein Schuss – verspritztes Hirn und eine Leichenschau: Nicolas Ryhiners Roman beginnt mit einem knalligen Ende. Eine Ungeheuerlichkeit, ein Suizid eines Basler Ehrenmanns, dessen Doppelleben an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Mit seinem Selbstmord im  entzieht er sich einem Gesichts- und Ehrverlust – einer Anklage wegen Bigamie. Ryhiner erzählt mit dem Aufstieg und Fall des Johann Jakob Ryhiner auch ein Stück bislang geleugneter Familiengeschichte.

Es sind unruhige Zeiten, in die der Autor den Leser/ die Leserin mitnimmt.  Napoleon hat die Ordnung der Alten Eidgenossenschaft umgekrempelt, die Menschen träumen von Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit. Die Trias gilt freilich nicht für Millionen von Menschen, die, auf Schiffen zusammengepfercht, von Afrika in die Kolonien verschleppt und dort versklavt werden. Mit seinem Roman reiht sich Nicolas Ryhiner  in die wachsende Zahl der SchriftstellerInnen und HistorikerInnen ein, die sich mit der Rolle der Eidgenossen im Sklavenhandel auseinandersetzt. Zwar wetteiferte die Eidgenossenschaft nie mit imperialen Mächten um einen Platz an der Sonne, dennoch bereicherten sich viele Menschen am kolonialen, auf Sklavenarbeit fussenden Handel. Da gab es die Sarasins in Basel, die Volkart in Winterthur, um nur zwei zu nennen. Kolonialismus könnte man seit einigen Jahren als Trendthema bezeichnen, das im historischen Diskurs der Schweiz neue Perspektiven eröffnet hat. https://www.cooperaxion.org/schweiz/

 Flucht aus dem „Daig“

Nicolas Ryhiner flicht wenige historische Eckdaten über seinen Vorfahr Johann Rudolf Ryhiner (1784-1824) zu einem packend erzählten Roman zusammen, in dem ein junger Mann an den Widersprüchen seiner Zeit zerbricht. Johann Jakob wächst in einer betuchten Basler Apothekerfamilie auf, flieht aber aus dem kalten und bigotten Basel ins südamerikanische Surinam, auf eine Plantage in Familienbesitz. Er stellt sich dem Widerspruch zwischen der freimaurerischen Basler Familie, die Sklaverei ganz im Geist der Zeit ablehnt, aber dennoch einen Prachtsbau errichten lässt, nota bene mit dem Gewinn aus den familieneigenen Plantagen. «Surinam» heisst das Anwesen, das bis heute in Basel einem Ort seinen Namen gibt.

Im Dschungel der Widersprüche

In Surinam wird aus Johan Rudolf ein anderer Mensch – die Widersprüche seiner Zeit kann er nicht auflösen. So schwängert er eine Sklavin, die er aber nicht freikaufen kann. Er nimmt der Mutter das Kind weg, um es aber «anständig» grosszuziehen. Hier steigt er durch sein Engagement im lukrativen Dreieckshandel zwischen Amerika, Europa und Afrika in die besten Kreise auf. Statt Afrikaner zu versklaven, heuert er sie an, dennoch spricht er von ihnen als Ware und Stückzahl. Er treibt sich im Dschungel umher und entgeht nur knapp dem Tod durch einen Spinnenbiss. Das tropische Surinam ist ein Sehnsuchtsort, «hier im Busch ist alles möglich», der seinen Zauber aber durch die Ankunft und Nähe   verliert. 

In Surinam ehelicht er auch eine Mestizin, mit der er Kinder hat und vor der er sich schändlich davonstiehlt, um nach Basel zurückzukehren. Seine Gattin hält er hin, er schreibt Briefe mit fingierten Reiseberichten und in denen er seine Rückkehr immer wieder verspricht. Raffiniert nutzt er seine Beziehungen, um die Absenderadresse zu verschleiern. In Basel heirate er eine Pauline Streckeisen, mit der er eine Familie gründet. Niemand weiss in Basel von seinen schwarzen Kindern. Vorerst. Sein Doppelleben kann er aber nicht auf ewig verbergen – es droht ein Prozess wegen Bigamie. Er zieht die Konsequenzen. Anders als im Busch ist in Basel eben nicht alles möglich.

Nicolas Ryhiner erzählt das Leben des rebellischen und scheiternden Johann Rudolf als Rückblende und in Form eines Berichts ausgerechnet an einen Domestiken. Johann Rudolf kann den Hänsler, wie sein Diener heisst, nur demütigen, treten und kujonieren, dennoch ist der Diener die letzte Person, der sich der Gescheiterte vor seinem Tod anvertrauen kann.

Gleichzeitig gelingt dem Autor ein farbiges Sittengemälde Basels, in dem der Wohlstand wenig wohlanständig verdient wird. Ein unterhaltender Roman, der aber profund recherchiert ist und der  ein noch wenig ausgeleuchtetes Kapitel Schweizer Geschichte zu erhellen vermag.

Nicolas Ryhiner, Im Surinam, Zytglogge Verlag 2019. 262 S. Geb. ca. 35 SFr. Vorsicht: Exemplare mit fehlerhafter Paginierung im Umlauf. Seitenzahlen kontrollieren!

Der Dreieckshandel

http://www.klauspetrus.ch/interview-schaer/

 

Unrecht gebiert seine Monster

Gnadenlos  – Samirs „Baghdad in My Shadow“

Bildquelle und Video: https://www.dvfilm.ch/de/movies/fiction/baghdad-in-my-shadow

Es ist eine verschworene Gemeinschaft von Exil-Irakern, die sich da im Kafee Abu Nawas, irgendwo im verregneten London begegnet. Geführt wird der Treffpunkt von zwei etwas angejahrten kurdischen  Altkommunisten, die der Diktatur unter Saddam Hussein entrinnen konnten. Stammkunde ist Dichter Taufiq, der vom Leben und schwerer Folter gezeichnet ist. Dann verzaubert Amal das Lokal, die Tellerwäscherin, die in ihrer Heimat vor einer glänzenden Karriere als Architektin stand. Der schwule IT-Spezialist Muhanad bringt die Informatik im Laden zum Laufen und den Sohn des Ladenbesitzers ins Schmachten.

So weit so politisch korrekt, doch der Flüchtlingsfilm, der am Locarno Filmestival 2019 viel Aufmerksamkeit fand,  entwickelt sich zum temporeichen Thriller, an dessen Ende einstige Opfer zu Tätern werden und keiner der Protagonisten mehr ist, der er oder sie vorgab, zu sein.

Da ist Amal, die nicht etwa vor der politischen Repression aus Baghdad geflohen ist, sondern vor der Gewalt ihres Ehemannes. Der Regisseur Samir bricht hier mit einem Tabu – nicht nur politische Systeme und Diktatoren begehen Unrecht, auch grosse Teile der Bevölkerung begehen Verbrechen, im Amals Fall der Mann, der die Selbstbestimmung der Frau beschneidet. Auch Muhanad wird nicht von Folterknechten oder einem Regime vertrieben, der Homosexuelle muss in einer radikal-homophoben Gesellschaft um sein Leben fürchten. Täter, man merkt, sind nicht immer nur Diktatoren und ihre Schergen. Nur Taufiq scheint ins Klischee des «richtigen» politischen Flüchtlings zu passen – er jedoch hat unter der Folter einen schrecklichen Verrat begangen, um sein Leben zu retten und ins Ausland zu kommen. Sein Einknicken kostete zwei Menschen das Leben. So bricht auch er ein Klischee, weil er nicht auf die Rolle des Opfers reduziert werden kann. So hat jeder eine dunkle Seite, Baghdad und sein Unrechtsregime verfolgen das Leben aller – wie ein Schatten.

Der Film nimmt Fahrt auf, als im vermeintlich sicheren Asylland Grossbritannien ein islamistischer Hassprediger junge Iraki gegen ihre Eltern aufwiegelt und so in der Exilgemeinde dieselbe Atmosphäre des Terrors und der Gewalt schafft, der er selber entflohen ist. Ausserdem taucht Amirs Ex-Mann auf und die Exilgemeinde gerät durch ihn ihn grösste Gefahr. So gebiert der Schlaf der Humanität immer weitere Monster.

Regisseur Samir ist ein spannender Krimi gelungen, der die Flüchtlingsthematik auf eine erfrischend hintersinnige Art verarbeitet, aber sämtliche liebgewonnenen Klischees zertrümmert. Ein Muss für alle Kinofans!

Liebeswirren der Romantik

Annette von Droste Hülshoff tut, was eine junge Frau von Stand in ihrer Zeit nicht tun soll. Sie ist frech, scharfzüngig, geht mit dem Hammer im Steinbruch auf Sammeltour, kann besser dichten als ihre Entourage und verliebt sich in einen Bürgerlichen. Mit „Fräulein Nettes kurzer Sommer“, legt die deutsche Autorin Karen Duve (Taxi) einen historischen Roman der Extra-Klasse vor, gut recherchiert, witzig und spannend zu lesen.

Auf über 500 Seiten breitet sie ein Panorama der zerrissenen Gesellschaft der Romantik aus.

Wir gehen mit rebellischen Studenten auf Sauftour in Göttingen, reisen durch den Matsch eines verregneten Sommers nach Kassel, besuchen dort die Brüder Grimm und sind zu Gast in den verschiedenen Schlössern der weitläufigen Verwandtschaft der Droste.

Der Mann, der das Herz der Dichterin entflammt, Heinrich Straube, ist ein armer Schlucker und wird von ihrem Onkel August von Haxthausen als kommendes Genie und neuer Goethe gerühmt und finanziert. Mit Armut geschlagen, lässt er es auch an Schönheit missen: Klein, schmächtig, mit einem dünnen Stimmchen, das ihm den Spitznamen „Wimmer“ einträgt, kleidet ihr sich in einen schmuddeligen Wollmantel einen „Flaus“, den er nie auszieht. Doch Straube ist ein äusserst liebenswerter Mensch, scherzt und lacht und interessiert sich für Annettes Dichtkunst.

Doch die Liebe währt nur kurz. Eine solche Verbindung darf nicht sein und Drostes Familie intrigiert.

Der Roman ist nicht nur ein gelungenes Sittenbild, eine Dichterbiographie, sondern auch  das Portrait eines ungewöhnlichen, liebenswerten, feinfühligen Mannes.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer, Galiani, Berlin 2018

Rezension von Sylvia Oehninger

Ein Chief in der Schweiz

Deskaheh. Ein Irokese am Genfersee

Willi Wottreng ist ein kleiner Geniestreich gelungen: Er hat ein Indianerbuch mit historischem Kern vor Schweizer Kulisse, einen Politthriller, Krimi oder egal was und vor allem – von all dem etwas geschrieben. Lesevergnügen ist garantiert.  

Osceola, Sitting Bull, Red Cloud oder Black Hawk: Die schillernden, aber historisch profund recherchierten Sachbücher des Schweizer Schriftstellers Ernie Hearting – bürgerlich Ernst Herzig (1914–1992) – hat das Gerechtigkeitsempfinden von tausenden Jugendlichen geprägt. Die Chiefs der – heute politisch nicht mehr korrekt – «Indianer» und ihr Schicksal vermochten Teenager in ihren Bann zu schlagen. Der Völkermord an den First Nations wühlte auf und sensibilisierte eine ganze Generation für Minderheiten und ihre Lebensumstände.

Willi Wottreng ist ein Kenner der schwierigen Lage von Menschen, deren Kultur in einer Mehrheitsgesellschaft vermeintlich keinen Platz mehr hat. Der Historiker und Publizist ist seit 2014 Geschäftsführer der Radgenossenschaft, der Dachorganisation von Sinti und Roma in der Schweiz.

In seinem neuen Roman arbeitet er die wahre Geschichte eines kanadischen Irokesen auf, der 1923 auf politischer Mission die Schweiz bereist und hier um nichts weniger als staatliche Anerkennung seines Volkes kämpft. Wie Heartings Figuren scheitert der Chief, allerdings nicht in Pulverdampf und Schlachtgetümmel in der Prairie, sondern leise und melancholisch am Gestade des Genfersees. Gegner sind Gleichgültigkeit, politisches Kalkül, Überheblichkeit.

Angesichts der reichen «Indianerliteratur» könnte man stöhnen – nicht noch ein Roman über eine Rothaut! Ist ein Roman überhaupt die richtige Form, um sich einem historisch verbürgten Thema zu nähern? Gefühle und Gedanken zu fabulieren, die in den schriftlichen und Bildquellen keine oder nur geringe Grundlage finden?

Die Form des Romans ist vielleicht gerade deshalb angebracht, weil Wottreng für seine Geschichte keine lückenlosen Quellen hat – sondern teils schriftliche und Fotografien, aus denen er seine Ideen schöpft. Um ein Porträt des Mannes von den Grand River zu zeichnen, muss er also dazu erfinden. Ein historisches Porträt suggeriert Faktizität, ein Roman dagegen gaukelt keine Quellentreue vor, die der Autor gar nicht leisten konnte.

Was man weiss: 1923 reiste Dekaheh, Chief der First Nations vom Grand River als Gesandter seines Volkes nach Genf. Sein Ziel: Die Anerkennung der Irokesen als Nation und nicht als Untertanen des jungen kanadischen Staates. Die Begründung: Der Völkerbund der Indigenen – gegründet noch vor dem Bund in Europa! – hatte buchstäblich sein Kriegsbeil begraben und war in die Region am Grand River gezogen – Als Gegenleistung hatte ihm 1784 Grossbritannien den Status einer Nation verliehen. Die kanadischen Behörden sehen dies ganz anders. Sie wollen die Indianer zur Demokratie erziehen und sie nicht nur geografisch umsiedeln, sondern auch in der Zeitzone der Bleichgesichter ansiedeln – genauer: in der Moderne. Und sind die Wilden nicht willig, so brauchen die Zivilisierten Gewalt.

Chief Deskaheh antichambriert nun in Begleitung eines Anwalts in Genf beim Völkerbund und in Bern beim Bundesrat – überall wird er vertröstet und an Subalterne weitergereicht. Niemand will sich für die Rothäute engagieren, zu viel steht nach dem Ersten Weltkrieg auf dem Spiel und mit dem Powerplayer Grossbritannien, der ein Machtwort sprechen könnte, will es kein anderer Staat verderben. Dennoch gibt der Chief nicht auf und entwickelt grosse Meisterschaft in der Verfassung von Reden und politischen Stellungnahmen.

Während die politische Mission scheitert, hat der Chief in der Schweiz gesellschaftlich viel Erfolg. Philanthropen und Gesellschaften für ethnische Minderheiten reichen den Chief, der kalkuliert in einem Indianerkostüm auftritt (das für die Irokesen nicht typisch, aber für die Europäer typisch indianisch ist) reichen ihn für Vorträge weiter, das weibliche Publikum liegt ihm zu Füssen. Aber nur eine Frau hält die ganze Zeit zu ihm, schreibt seine Reden und Pamphlete.

Doch auch die Menschenfreunde beugen sich am Ende der Macht des Faktischen – niemand will eine indianische Staatlichkeit anerkennen. Auch seine Freunde raten ihm zum Kompromiss – der Chief bleibt unbeugsam. Er bezahlt seine Unbeirrtheit schlussendlich fern seiner Heimat mit dem Leben.

Warum der Chief nach seiner Rückkehr in die USA (Kanada liess ihn nicht mehr einreisen) so plötzlich starb, darüber lässt sich mit Wottreng trefflich spekulieren. Ob es den Touch Agententhriller gebraucht hat, sei dahingestellt, die leise Liebesgeschichte, die ebenfalls erzählt wird, verleiht dem Porträt aber die nötige Würze. Dem Autor gelingt es, den Weg des Chiefs vom Indigenenvertreter zum Staatsmann nachvollziehbar zu schildern. Statt als auktorialer Erzähler aufzutreten, lässt er eine fiktive Anwältin und Ernie Hearting-Fan die Puzzleteile aus Deskahehs Leben zu einem Ganzen zusammenzufügen (s. auch WDR). Wottreng ist ein differenzierendes Portrait gelungen, das den Leser 2018 ebenso betroffen und aufgewühlt zurücklässt, wie die Porträts des Schweizer «Indianerhistorikers» Hearting aus den 60ern des 20. Jahrhunderts.

Willi Wottreng. Deskaheh. Ein Irokese am Genfersee. Bilger Verlag  2018. 198 S. sw Abb.

Kraftstoff tanken

Manchmal drehen sich Romane um die Literatur und ihren Betrieb, betreiben quasi Nabelschau. Nicht so bei Margrit Schribers Roman „Glänzende Aussichten“. Hier geht es um das pure Leben: Pia, die Hauptfigur, betreibt in den 80er Jahren am Rand eines Dorfes nahe der Autobahn eine kleine Tankstelle, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Als sich Konkurenz in Form einer Self-Service -Anlage  einstellt, nimmt Pia all ihren Mut und ihr Erspartes zusammen und baut in der alten Werkstadt eine neue Autowaschanlage.

Von Männern umzingelt

Doch das ist nicht ganz einfach. Sie ist umzingelt von Männern, die ihr reinreden oder von ihr profitieren wollen. Da ist ihr Grundstücksnachbar, ein Kraftprotz mit Kraftband am Handgelenk und Totenkopfring. Er ist Occasionshändler und stellt seine Wagen immer öfter auf Pias Parkplatz. Er hat grosses vor mit Pias Werkstatt. Da ist ihr Ex-Lover, ein windiger, böswilliger Schwerenöter, der sich einbildet, die Tankstelle gehöre ihm und er könne sie in Zahlung an einen Lamborghini geben, den er bereits bei Pias Nachbar bestellt hat. Und schliesslich der Gebietsverantwortliche der  Erdölfirma, bei der Pia Franchise-Nehmerin ist. Er moniert schlechte Verkaufszahlen und versucht seinerseits, an das Grundstück zu kommen.

Pia ist eine unauffällige Figur, sie trägt jahraus jahrein Latzhose und Igelfrisur und riecht nach Motorenöl und Putzmittel. Sie steht für sich ein, so gut es geht und versucht, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wenn alles zu schwierig wird, zieht sie den Hut ihres Vaters an, der ihr Kraft gibt oder unterhält sich mit ihrer Freundin, einer unglücklich liierten Dorfschönheit.

Pias Schöpferin, Margit Schriber, 1939 in Luzern geboren, ist ist eine bedeutende Schweizer Autorin, hat zahlreiche Preise gewonnen und selber einmal eine Tankstelle geführt.

Schräge Vögel in der Provinz

Sie erzählt lakonisch, bildhaft, voller Schalk und zeichnet  ein Panorama der schrägen Vögel, am Rande der bürgerlichen Gesellschaft in der Schweizer Provinz der 80er Jahre.

Margrit Schriber, Glänzende Aussichten, Roman, Verlag Nagel & Kimche, München 2018

Ein Buch wie ein Film – rasant und spannend

Es kann leicht schief gehen, wenn jemand, noch nicht 50 Jahre alt, seine Autobiografie schreibt. Nicht so bei Xiaolu Guo, der chinesischen Filmemacherin und Schriftstellerin. Ihre Lebensgeschichte „Es war einmal im Fernen Osten“, ist eine der spannendsten Autobiografien, der letzten Jahre.

Xiaolu Guo wurde anfang der 1970er Jahre in Südchina geboren. Ihre Eltern gaben sie weg aufs Land. Doch ihre Pflege-Eltern, arme Bauern, konnten das Kind nicht ernähren. Damit Des nicht verhungere, brachten Sie es zu seinen Grosseltern, die in einem ärmlichen Fischerdorf am Südchinesischen Meer lebten. Die Grossmutter war Analphabetin, hatte keinen eigenen Namen und verkrüppelte Füsse. Sie betete zu einer Statue der Göttin Guanyin. Der Grossvater, ein Fischer, dessen Boot enteignet und kollektiviert worden war, lebte von Strandgut, das er aufsammelte und an einem Stand verkaufte. Einzige Verbindung zur Aussenwelt war der Bahnhofssvorsteher. Neugierig schlich sich die kleine Guo zu ihm ins Stationshaus, um Geschichten von fernen Städten zu hören. Einmal kam eine Gruppe Künstler in das Dorf und malte das gelbe Meer in bunten Farben. Da beschloss das Mädchen, Künstlerin zu werden. Doch der Weg dazu war lang.

Mit sieben Jahren wurde die kleine Guo von ihren Eltern, die sie nicht kannte, in die Stadt Wenling geholt. Die Familie lebte zusammen mit anderen Familien in einem „kommunistischen Wohnhof“. Die Mutter war Propagandistin und Schauspielerin, der Vater Kunstmaler. Er war während der Kulturrevolution zur Arbeit in einem Steinbruch gezwungen worden, war jetzt aber rehabilitiert.

Es folgten schwierige Jahre für Guo. Es stellte sich heraus, dass sie einen Bruder hatte, der massiv bevorzugt wurde, besonders beim Essen. Er bekam grössere Portionen und hasste seine Schwester. Sie war immer auf der Suche nach Essen, wurde in der Schule gequält und von einem Funktionär über Jahre sexuell missbraucht.

Doch ihr Wunsch, Künstlerin zu werden wurde noch grösser, schliesslich entschied sie sich für den Film, nachdem sie im Wohnkollektiv zahlreiche Propagandafilme im Fernsehen gesehen hatte.

Sie wollte an die Filmhochschule in Peking gehen und büffelte Film, so viel sie konnte. Sie bekam die Unterstützung von ihrem Vater. Beim zweiten Anlauf setzte sie sich als eine von 7‘000 Bewerbern um die 11 Plätze durch.

Während der Zeit ihrer Ausbildung in den 1990er Jahren herrschte eine enorme Aktivität in der Kunstszene von Peking. Guo suchte Performance-Künstler auf und filmte sie. Nach Abschluss ihrer Ausbildung schrieb sie Drehbücher und versuchte die Genehmigung für einen eigenen Film zu bekommen, doch sie brachte kein einziges Drehbuch durch die Zensur. So schrieb sie Drehbücher für Fernsehserien, bis sie beschloss, in den Westen zu gehen. Vom British Council bekam ein Stipendium für ein Jahr und ging nach England.

2015 war Xiaolu Guo Writer in Residence in Zürich. Ich sah sie dort an einer Lesung. Die kleine Frau in der türkisfarbenen Lederjacke strahlte eine ungeheure Energie aus. Zuvor hatte ich ihr erstes Buch „Kleines Wörterbuch für Liebende“ gelesen, das in Guos ersten Jahren in England spielt und den Erwerb der englischen Sprache zum Thema hat. Bei diesem Aufenthalt in Zürich entstand die vorliegende Autobiografie.

Man merkt an ihrem Stil, dass Xiaolu Guo Drehbücher schreibt. Auch die Bekanntschaft mit dem chinesischen Theater und der chinesischen Lyrik hat ihren Stil geschult. Sie schreibt bildhaft, rasant und voller Spannung. Es bleibt jedoch nicht bei der filmischen Beschreibung ihres Lebens. Die Politik spielt eine wichtige Rolle und die Autorin ist gleichzeitig sehr reflektiert und äusserst empathisch gegenüber ihrer Protagonistin, die, wie sie schreibt, zuerst lernen musste zu lieben.

Xiaolu Guo: Es war einmal im Fernen Osten, Albrecht Knaus Verlag, München 2017

Kunst ohne Grenzen

Koko La Fuente, Maria Apruzzese-Pittini, Junga Choi (rot), Eun Sun Lee, Milena Kostadinovic, Mike Albrow, Christiane Ghilardi, Karin Lurz, Olesja Popova,
Dani Portmann , Ricardo Flores Saldana

Kreativität überwindet Grenzen

Kunst ist ein Ausdrucksmittel, mit dem sich kulturelle Barrieren kreativ überwinden lassen: Kunstschaffende der Winterthurer Gruppe «Outside Inside» zeigen vom 1. – 3. September in der Halle 710 in Hegi, wie sie sich eine Welt ohne Grenzen vorstellen.

Sin Fronteras – Ohne Grenzen: Unter diesem Titel stellt eine Gruppe von zwölf Künstlerinnen und Künstlern ihre Werke vor. «Outside Inside» ist ein Event-Format, unter dessen Dach Kunstschaffende in wechselnder Konstellation in einen interkulturellen Dialog treten. Normalerweise ein Mal pro Jahr stellen sie ihre Arbeiten vor, umrahmt von einem kulinarischen und musikalischen Begleitprogramm. Nach einer Pause im Jahr 2016 bespielen sie neu die Halle 710 in Neuhegi. Die Künstlerinnen und Künstler stammen aus den unterschiedlichsten Gegenden der Welt und bringen einen spezifischen kulturellen Hintergrund mit nach Winterthur, wo sie leben und arbeiten. Hier treffen ihre Ausdrucksformen aufeinander und bilden eine facettenreiche Symbiose von Kunst und Kultur. Der Titel der diesjährigen Ausstellung in der Halle 710 lautet: «Sin Fronteras», zu Deutsch ohne Grenzen. «Der Begriff Grenzen beschwört unterschiedliche Vorstellungen herauf», so Mike Albrow, der zusammen mit Eun Sun Lee die Ausstellung organisiert. Wer Grenze sagt, denkt an Beengung, Angst, aber auch Hoffnung, so der Organisator. Mit Grenzen halten Gesellschaften Unerwünschte fern und sie definieren mit Grenzen ihr Territorium oder den Besitzstand des Einzelnen. Die Ausstellung ist ein Gedankenexperiment: Was, wenn das Konzept von Grenze aus Gedanken, aus der Sprache oder aus der kollektiven Erinnerung getilgt wird? Kreativität überwindet Grenzen, ist Albrow überzeugt. «Sie ist für uns ein Ausdrucksmittel und eine gemeinsame Sprache, wenn wir mit unserem kulturellen Hintergrund im Schweizer Alltag mit Verständigungsproblemen ringen», so der Künstler. Diese Sprache macht Grenzen überflüssig. Outside Inside vermittelt mit der Sprache der Kunst ein Bild der Welt, in der es keine Grenzen gibt.

Information: 1. – 3. September, Vernissage Freitag 1. September 17–21 Uhr.

Öffnungszeiten: Samstag 2. September: 14–19 Uhr, Sonntag 3. September 11–16 Uhr.

Halle 710 Neuhegi, Am Eulachpark, Barbara Reinhart-Strasse 27, 8404 Winterthur. Die Halle 710 ist ab Bahnhof Oberwinterthur zu Fuss 5 in Minuten erreichbar, ausserdem fahren die Busse 1, 5, und 14 aus dem Stadtzentrum ins Quartier. 30 gebührenpflichtige Parkplätze sind vorhanden.

Beteiligte Künstler und Künstlerinnen: Eun Sun Lee, Ricardo Flores Saldaña, Dani Portman, Olesja Popova, Malik Filali, Karin Lurz, Junga Choi, Koko La Fuente, Maria Apruzzese-Pittini, Christiane Ghilardi, Mike Albrow, Milena Kostadinovic.
Eintritt frei