Nach Hause fliegen oder die Poesie des Kreuzworträtsels

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von Sylvia Oehninger, Winterthur

Ein Künstler sammelt und fotografiert Schwemmgut an einer Mittelmeerküste. Daraus soll ein Projekt entstehen. Doch, was spielerisch klingt, wird tödlicher Ernst. Er findet immer öfter Habseligkeiten von Flüchtlingen am Strand, bis er eines Tages auf eine Kinderleiche stösst – das der Prolog.

Der Tod seiner älteren Schwester führt ihn zurück in sein Herkunftsland, in den norddeutschen Winter, mitten in seine Familiengeschichte, in ein altes Haus in einem tristen Hamburger Quartier.

Lappert ist ein Meister der Schilderung prekärer Milieus. Doch vor dem Hintergrund bröckelnder Fassaden glimmt das Licht in der Wohnung seines Vaters umso behaglicher. Dorthin ist er vorübergehend eingezogen und merkt, wie wohl er sich fühlt, wenn er dem fast blinden, gehbehinderten alten Mann am Küchentisch beim Ausfüllen seiner Kreuzworträtsel hilft, sekundiert von der polnischen Hauspflegerin.

Eine der zentralen Fragen des Romans ist die nach der Bedeutung der Kunst, angesichts der Flüchtlingskatastrophe in Europa, eine weitere nach Herkunft und Familie. Schön gezeichnet ist etwa die jüngere Schwester der Hauptfigur, die immer noch ihrer Hippie-Vergangenheit nachhängt und sich liebevoll um den heimgekehrten Bruder kümmert.

Schmiermittel des Romans sind grosse Mengen Alkohol, die die Protagonisten zu sich nehmen. So werden verhockte Gefühle allmählich verflüssigt.

Lappert schildert präzis, hantiert gekonnt mit Symbolen und ist ein kluger Psychologe. Nachdem er eine Weile gemächlich erzählt hat, verknüpft er die losen Erzählfäden am Schluss in hohem Tempo wieder zu einem Ganzen.

Rolf Lappert wurde 1958 in Zürich geboren und lebt in der Schweiz. Er wurde mit seinem Roman „Nach Hause schwimmen“ bekannt. Mit dem vorliegenden Roman „Über den Winter“ hat er es die Short List des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft.

Rolf Lappert: Über den Winter; Carl Hanser Verlag, München 2015

Leseprobe: http://bit.ly/1SteEtC

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