Kunst kommt von Geschichte

Tauschwestern Rosina Kuhn Pavel Schmidt Pavel Schmidt Michael Wyss Martin Schwarz Ludwig Stocker Ludwig Stocker

Zu viele Ausstellungen zelebrieren heute irgendein Genie oder eine „Position“. Und zu wenige öffnen die Augen für grössere Zusammenhänge. Die Ausstellung unter dem Titel „Vom Nutzen und Nachtheil der Kunstgeschichte für die Kunst“ in den Kunsträumen Oxyd in will uns ebendiese Zusammenhänge als „Unzeitgemässe Betrachtungen“ vermitteln. Die Schau hat auch einen kritischen Anspruch – Beschäftigung mit der Geschichte könnte der heutigen Schnelllebigkeit, Innovationssüchtigkeit und oberflächlich-kommerzialisierten Kunstbetrachtung entgegenwirken. Historisierende Kunst als Weg zum Heil für eine verrottende, kapitalistische Gesellschaft. Ästhetik als Kapitalismuskritik und moralische Erleuchtung.

Aber erst einmal zu den Fakten: Zehn Schweizer Kunstschaffende haben die Kuratoren Peter Killer und Astrid Schmid ins Oxyd in Winterthur Wülflingen beordert. Martin Kaufmann, Rosina Kuhn, Chantal Michel, Reto Rodolfo Pedrini, Hervé Graumann alias Raoul Pictor, Pavel Schmidt, Martin Schwarz, Ludwig Stocker, Jürg Straumann und Michael Wyss.Was die zehn auszeichnet: Sie kramen alle ganz ungeniert im Repertoire der Kunstgeschichte vergangener Jahrhunderte, um eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Chantal Michel arbeitet sich in ihren Fotocollagen an Ferdinand Hodler ab, grad so, dass man den Haudegen der Schweizer Malerei wieder mit ganz anderen Augen sieht. Indem sie sich fotografisch in die Bilder montiert, kann sie Hodler gegenüber eine eigene Position einnehmen Rosina Kuhn lässt sich von Tieplo inspirieren und schafft Malerei frisch von der Leber weg.  Geschichte hat also durchaus Nutzen für die Kunst.

Andere wie Martin Schwarz oder Pavel Schmidt persiflieren die Hype um klassische Werke. Schwarz‘ Mona Lisa mit Rüssel ist lustig, leuchtet die Gründe für den Boom um das Bild der Gioconda aber nicht wirklich aus. Die Tauschwestern aus dem Parthenon-Ostgiebel zeugen selbst in Styropor und mit Quadratschädel ebenfalls aus Styropor von Gebüldetheit, bloss die Skulpturengruppe wenig mehr als einfach sauglatt orange angemalt. Das erinnert an unsere Studentenstreiche, als wir der kopflosen Nike von Samothrake im Lichthof der Universität Zürich einen knallbunt bemalten Entenkopf aus Papiermaché aufsetzten.

Die Gratwanderung zwischen mutiger Aneignung und Umformung älterer Kunst und persiflierender Verballhornung ist heikel. Dass aus der Betrachtung und Auseinandersetzung mit klassischer Kunst – je nach Kaliber des Kunstschaffenden – mindestens so spannende Werke entstehen können wie aus der Pose der Genialität und Verachtung der Geschichte, ist eigentlich nicht neu. Kunst entstand aus Nachahmung. Vor 40000 Jahren malte mal jemand ein Ur-Pferd an die Wand – und viele Künstler folgten ihr oder ihm. In anderen Epochen hielten sich Kunstschaffende strikt an Bildtypen, drum erkennen wir heute spielend ein Abendmahl oder eine Kreuzigung.  Respekt vor den Altvordern ist der Normalmodus der Kunstproduktion und hat ihr eigentlich nicht geschadet. Erst seit dem Sturm und Drang kommt das Genie ins Spiel, das auf die Geschichte pfeift und ganz aus sich selber und seiner Subjektivität schöpft. Diese Pose ist jetzt seit gut 200 Jahren Mode und wird mit der Häufigkeit ihrer Nachahmer nicht genialer.

Wenn sich bestimmte Kuratoren über Positionen wundern, die statt genial historisch sind, dann wundern wir uns, dass die Kenntnis der Kunstgeschichte so dünn ist. Betrachtet man die etwas genauer, so tritt man auch nicht in die Falle, Kunst als Weg zu irgendeinem überzeitlich gültigen Heil zu betrachten, sondern als das was sie ist. Und das ändert sich laufend, mit der Zeit.

Kunsträume Oxyd – Winterthur Wülflingen, bis 1. März 2015

www.oxydart.ch

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