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Ein Buch wie ein Film – rasant und spannend

Es kann leicht schief gehen, wenn jemand, noch nicht 50 Jahre alt, seine Autobiografie schreibt. Nicht so bei Xiaolu Guo, der chinesischen Filmemacherin und Schriftstellerin. Ihre Lebensgeschichte „Es war einmal im Fernen Osten“, ist eine der spannendsten Autobiografien, der letzten Jahre.

Xiaolu Guo wurde anfang der 1970er Jahre in Südchina geboren. Ihre Eltern gaben sie weg aufs Land. Doch ihre Pflege-Eltern, arme Bauern, konnten das Kind nicht ernähren. Damit Des nicht verhungere, brachten Sie es zu seinen Grosseltern, die in einem ärmlichen Fischerdorf am Südchinesischen Meer lebten. Die Grossmutter war Analphabetin, hatte keinen eigenen Namen und verkrüppelte Füsse. Sie betete zu einer Statue der Göttin Guanyin. Der Grossvater, ein Fischer, dessen Boot enteignet und kollektiviert worden war, lebte von Strandgut, das er aufsammelte und an einem Stand verkaufte. Einzige Verbindung zur Aussenwelt war der Bahnhofssvorsteher. Neugierig schlich sich die kleine Guo zu ihm ins Stationshaus, um Geschichten von fernen Städten zu hören. Einmal kam eine Gruppe Künstler in das Dorf und malte das gelbe Meer in bunten Farben. Da beschloss das Mädchen, Künstlerin zu werden. Doch der Weg dazu war lang.

Mit sieben Jahren wurde die kleine Guo von ihren Eltern, die sie nicht kannte, in die Stadt Wenling geholt. Die Familie lebte zusammen mit anderen Familien in einem „kommunistischen Wohnhof“. Die Mutter war Propagandistin und Schauspielerin, der Vater Kunstmaler. Er war während der Kulturrevolution zur Arbeit in einem Steinbruch gezwungen worden, war jetzt aber rehabilitiert.

Es folgten schwierige Jahre für Guo. Es stellte sich heraus, dass sie einen Bruder hatte, der massiv bevorzugt wurde, besonders beim Essen. Er bekam grössere Portionen und hasste seine Schwester. Sie war immer auf der Suche nach Essen, wurde in der Schule gequält und von einem Funktionär über Jahre sexuell missbraucht.

Doch ihr Wunsch, Künstlerin zu werden wurde noch grösser, schliesslich entschied sie sich für den Film, nachdem sie im Wohnkollektiv zahlreiche Propagandafilme im Fernsehen gesehen hatte.

Sie wollte an die Filmhochschule in Peking gehen und büffelte Film, so viel sie konnte. Sie bekam die Unterstützung von ihrem Vater. Beim zweiten Anlauf setzte sie sich als eine von 7‘000 Bewerbern um die 11 Plätze durch.

Während der Zeit ihrer Ausbildung in den 1990er Jahren herrschte eine enorme Aktivität in der Kunstszene von Peking. Guo suchte Performance-Künstler auf und filmte sie. Nach Abschluss ihrer Ausbildung schrieb sie Drehbücher und versuchte die Genehmigung für einen eigenen Film zu bekommen, doch sie brachte kein einziges Drehbuch durch die Zensur. So schrieb sie Drehbücher für Fernsehserien, bis sie beschloss, in den Westen zu gehen. Vom British Council bekam ein Stipendium für ein Jahr und ging nach England.

2015 war Xiaolu Guo Writer in Residence in Zürich. Ich sah sie dort an einer Lesung. Die kleine Frau in der türkisfarbenen Lederjacke strahlte eine ungeheure Energie aus. Zuvor hatte ich ihr erstes Buch „Kleines Wörterbuch für Liebende“ gelesen, das in Guos ersten Jahren in England spielt und den Erwerb der englischen Sprache zum Thema hat. Bei diesem Aufenthalt in Zürich entstand die vorliegende Autobiografie.

Man merkt an ihrem Stil, dass Xiaolu Guo Drehbücher schreibt. Auch die Bekanntschaft mit dem chinesischen Theater und der chinesischen Lyrik hat ihren Stil geschult. Sie schreibt bildhaft, rasant und voller Spannung. Es bleibt jedoch nicht bei der filmischen Beschreibung ihres Lebens. Die Politik spielt eine wichtige Rolle und die Autorin ist gleichzeitig sehr reflektiert und äusserst empathisch gegenüber ihrer Protagonistin, die, wie sie schreibt, zuerst lernen musste zu lieben.

Xiaolu Guo: Es war einmal im Fernen Osten, Albrecht Knaus Verlag, München 2017

Kunst ohne Grenzen

Koko La Fuente, Maria Apruzzese-Pittini, Junga Choi (rot), Eun Sun Lee, Milena Kostadinovic, Mike Albrow, Christiane Ghilardi, Karin Lurz, Olesja Popova,
Dani Portmann , Ricardo Flores Saldana

Kreativität überwindet Grenzen

Kunst ist ein Ausdrucksmittel, mit dem sich kulturelle Barrieren kreativ überwinden lassen: Kunstschaffende der Winterthurer Gruppe «Outside Inside» zeigen vom 1. – 3. September in der Halle 710 in Hegi, wie sie sich eine Welt ohne Grenzen vorstellen.

Sin Fronteras – Ohne Grenzen: Unter diesem Titel stellt eine Gruppe von zwölf Künstlerinnen und Künstlern ihre Werke vor. «Outside Inside» ist ein Event-Format, unter dessen Dach Kunstschaffende in wechselnder Konstellation in einen interkulturellen Dialog treten. Normalerweise ein Mal pro Jahr stellen sie ihre Arbeiten vor, umrahmt von einem kulinarischen und musikalischen Begleitprogramm. Nach einer Pause im Jahr 2016 bespielen sie neu die Halle 710 in Neuhegi. Die Künstlerinnen und Künstler stammen aus den unterschiedlichsten Gegenden der Welt und bringen einen spezifischen kulturellen Hintergrund mit nach Winterthur, wo sie leben und arbeiten. Hier treffen ihre Ausdrucksformen aufeinander und bilden eine facettenreiche Symbiose von Kunst und Kultur. Der Titel der diesjährigen Ausstellung in der Halle 710 lautet: «Sin Fronteras», zu Deutsch ohne Grenzen. «Der Begriff Grenzen beschwört unterschiedliche Vorstellungen herauf», so Mike Albrow, der zusammen mit Eun Sun Lee die Ausstellung organisiert. Wer Grenze sagt, denkt an Beengung, Angst, aber auch Hoffnung, so der Organisator. Mit Grenzen halten Gesellschaften Unerwünschte fern und sie definieren mit Grenzen ihr Territorium oder den Besitzstand des Einzelnen. Die Ausstellung ist ein Gedankenexperiment: Was, wenn das Konzept von Grenze aus Gedanken, aus der Sprache oder aus der kollektiven Erinnerung getilgt wird? Kreativität überwindet Grenzen, ist Albrow überzeugt. «Sie ist für uns ein Ausdrucksmittel und eine gemeinsame Sprache, wenn wir mit unserem kulturellen Hintergrund im Schweizer Alltag mit Verständigungsproblemen ringen», so der Künstler. Diese Sprache macht Grenzen überflüssig. Outside Inside vermittelt mit der Sprache der Kunst ein Bild der Welt, in der es keine Grenzen gibt.

Information: 1. – 3. September, Vernissage Freitag 1. September 17–21 Uhr.

Öffnungszeiten: Samstag 2. September: 14–19 Uhr, Sonntag 3. September 11–16 Uhr.

Halle 710 Neuhegi, Am Eulachpark, Barbara Reinhart-Strasse 27, 8404 Winterthur. Die Halle 710 ist ab Bahnhof Oberwinterthur zu Fuss 5 in Minuten erreichbar, ausserdem fahren die Busse 1, 5, und 14 aus dem Stadtzentrum ins Quartier. 30 gebührenpflichtige Parkplätze sind vorhanden.

Beteiligte Künstler und Künstlerinnen: Eun Sun Lee, Ricardo Flores Saldaña, Dani Portman, Olesja Popova, Malik Filali, Karin Lurz, Junga Choi, Koko La Fuente, Maria Apruzzese-Pittini, Christiane Ghilardi, Mike Albrow, Milena Kostadinovic.
Eintritt frei

 

Eine Sammlerin und ihre Passion

Artikel im Tagblatt von St. Gallen

Blick in die Ausstellung im Kunstmuseum Appenzell

Kunstmuseum Appenzell

Bauen mit dem Pinsel

Ferdinand Gehr hat mit Malerei an Architektur weitergebaut. Weil er in Kirchen gemalt hat, wird er von der Kunstgeschichte geflissentlich  übergangen. Das Kunstmuseum Olten macht sein Werk wieder sichtbar:

Besprechung im St. Galler Tagblatt

Nichts wie raus!

Landschaft? Landschaft!

Im on.off Projekt- und Ausstellungsraum auf dem Lagerplatz 2 in Winterthur ist gerade eine spannende Begegnung im Gange. Zwei Landschafts-filmer? -maler? -performer? Erkunden das Genre Landschaftsdarstellung auf überraschend neue Art und Weise. Nino Baumgartner (Bern/Zürich) und Bignia Wehrli (Berlin / Sternenberg) suchen neue Wege in vermeintlich ausgetretenem Terrain.

Die Helgen kennen wir aus allen Museen: Knorrige Tanne, steiler Berg in mystischem Dunst im Hintergrund, Wasser, Fels, Natur eben. Alles opulent in Öl und so. Immer wieder schön, aber eben oft auch nur für Kenner. Am der schönen Pyramide des Niesen, der über dem Thunersee thront, haben sich schon so viele Künstler abgearbeitet. Ferdinand Hodler, Johannes Itten,  Paul Klee, und viele andere.

Baumgartner macht aus den Niesen ein ganzes Manöver. Mit Rucksack und allerhand Survival-Stuff klettert er am Niesen herum und filmt mit einer Go-Pro seine Exkursionen. Bild für Bild reiht sich so der Berg, die Aussicht, sein Gestein, seine Flanken und Pflanzen zu einer eigenwilligen Performance. Spannend ist, was man nicht sieht: Die Pyramide.

Bignia Wehrli beschäftigt sich mindestens so sehr wie mit ihrem Sujet mit der Technik, wie sie das Sujet sichtbar machen kann. Der Ingenieurskunst sind dabei keine Grenzen gesetzt. In der aktuellen Arbeit lässt sie einen Schreibmaschinenkoffer, der zur Lochkamera umgebaut worden ist, die Töss von Wila nach Winterthur hinabtreiben. Auf dem Fotopapier entstanden je nach Sonnenstand und Strömung sieben unterschiedliche, schwarze Kreise. Je nach «Wellengang» erscheinen die Kreise verwackelter oder schärfer.

Kombiniert im einstigen Ofen der Sulzer verschmelzen die Arbeiten zu einer spannenden Performance. Lydia Wilhelm und Nicole Seeberger ist in dieser Location wieder ein ganz spezieller Coup geglückt, den man gesehen haben muss.

Bis 12. November, Do 17- 20 Uhr, Fr 17-20 Uhr, Sa 14 – 17 Uhr

On.off

Lust an der Vergänglichkeit

Manchmal trifft man an überraschenden Orten überraschende Kunst. Zwischen altem Industriekanal und Rastplatz Otelbach an der viel befahrenen Kempttalstrasse bei Illnau haben die Zürcher Künslter Nico Lazula und Ruedi Staub / LAST eine eigenwillige Kunstinstallation aus bemaltem Holz in die Landschaft gesetzt. Sie hält bis am 10. Juli – dann wird sie abgebaut – doch dies ist Konzept.  Titel: Leftovers_6. Lust an der Vergänglichkeit weiterlesen

Abgetaucht

abwesenheitsnotiz

Ein Gastbeitrag von Sylvia Oehninger

Eine junge Frau kündigt ihren Job, weil sie endlich etwas tun möchte, was sie wirklich will. Das ist gar nicht so einfach. Doch die Autorin Lisa Owens macht im Roman „Abwesenheitsnotiz“ aus dem Leben der jungen Claire Flannery eine spannende Geschichte.
Sie nimmt uns mit auf eine langsame, ereignisarme, an Umwegen reiche Reise. Wir lernen die Tage der Protagonistin kennen, die Wettbewerbe ausfüllt, Bücher über Karriere liest, fern sieht, aus dem Fenster schaut und die Menschen in der U-Bahn und auf der Strasse versunken betrachtet.
Je länger der Zustand andauert, desto weniger weiss sie, was sie tun soll und desto eher rechtfertigt sie sich vor ihren aktiven, erfolgreichen Freundinnen, dass sie immer noch keinen neuen Job hat.
Kommt dazu, dass sie sich mit ihrer Mutter zerstritten hat, die sich nicht mehr meldet und ihre Grossmutter reagiert auf das Angebot Claires, ihr zu „helfen“ mit hochgezogenen Augenbrauen.
Die hilflosen Vermittlungsversuche des Vaters, Clairs Alkoholabstürze, die Haushaltzanks mit ihrem Freund Luke sind jedoch so plastisch und oft auch lustig erzählt, dass wir Claire allmählich lieb gewinnen. Und wir hoffen mit ihr, dass sie, wenn sie „nur genug Selbstoptimierungspodcasts und Erfahrungsberichte von Finanzhaien reinzieht, die jetzt Kunsthandwerk am Küchentisch betreiben, dann muss sich doch die Lösung von selbst offenbaren, irgendwo und irgendwann?“

Lisa Owens, Abwesenheitsnotiz, Piper Verlag 2016

Putzmunter

putzen

Ein Gastbeitrag von Sylvia Oehninger, Winterthur

Ein Buch über das Putzen? Was soll das? Gibt es nicht schon genug Ratgeberbücher? Dieses ist anders: Die finnische Kulturwissenschaftlerin Maria Antas erforscht in „Wisch und weg“ das Putzen in Theorie und Praxis vom Wischmob bis zur Federwedel. Es geht um Fragen wie: Soll ich eine Putzfrau anstellen? Wann ist es wirklich sauber? Soll ich auf Knien putzen? Soll ich putzen oder schreiben? Putzmunter weiterlesen

Lülü – der Merlin-Versteher

lulu

Ein Schelmenroman

Welcher Teufel den Publizisten Willi Wottreng geritten hat, dass er für sein Romandébut „Lülü“  ausgerechnet das Tösstal als Tatort wählt, wissen mangels Geiern vielleicht die Auerhähne oder Gämsen, die sich da hinten  zwischen Tössstock und Schauenberg gute Nacht sagen. Aber lustige Geschichten gibt es auch in der Provinz. Und die ist irgendwo um die Ecke zwischen Turbenthal, Kollbrunn und Rikon.

Dass die Tösstaler zuweilen schlimme Finger sind und die eine oder andere Leiche im Keller haben, hat jüngst das  Autorenduo Roswitha und Jacques Kuhn – er der einstige Chef der Pfanni in Rikon – in seinen Regiokrimis schonungslos enthüllt. Doch wer vom Sachbuchautor und Wottreng einen solchen Regionalthriller erwartet hat, liegt falsch. Zwar hat das Tal als Bio- und Soziotop unwiderstehlichen Thrill-Appeal. Täuferhöhlen, dunkle Wälder, moderige Gewässer und schattige Hügel, Stündeler, Prediger, Weber, Spinner, Baulöwen und Dörfler, die sich schon über Thurgauer xenophob echauffieren können. Das Chelleland ist auch eine Geisterbahn. Aber das Setting des Romans geht über Lokalkolorit hinaus. Lülü – der Merlin-Versteher weiterlesen